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Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts: Interview mit Olaf Stuve und Andreas Hechler

Olaf Stuve ist Diplom-Soziologe und seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Forscher bei Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V., das auch Neue Wege für Jungs 2006-2007 sowie 2009-2010 in Kooperation mit der Universität Halle wissenschaftlich begleitet hat. Er forscht und arbeitet zu den Themen Geschlecht und Bildung, Geschlecht und Gewalt(-Prävention) sowie Geschlecht und Rechtsextremismus. In diesem Rahmen hat er zum Zusammenhang von Neonazismus und Männlichkeits- und Weiblichkeitsanforderungen gearbeitet.

Andreas Hechler hat Europäische Ethnologie und Gender Studies studiert und ist seit 2009 bei Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. fest angestellt. Er hat viele Jahre pädagogisch mit Jungen gearbeitet und beschäftigt sich mit geschlechterreflektierter Pädagogik, neonazistischen Männlichkeiten und Weiblichkeiten, dem gesellschaftlichen Umgang mit Intergeschlechtlichkeit, mehrdimensionaler Diskriminierung und Privilegierung, Antisemitismus, Rassismus, Erinnerungspolitik, Disability Studies und NS-'Euthanasie'.

Soeben ist Ihr Buch Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts erschienen. Worum geht es in dem Buch?

Das Buch stellt ein vorläufiges Zwischenergebnis unserer mehrjährigen wissenschaftlichen und pädagogischen Beschäftigung mit dem Thema Neonazismus und Geschlecht dar. Geschlecht und Sexualität spielen in unterschiedlicher Weise eine bedeutende Rolle in neonazistischen Lebenswelten und Ideologien, was lange Zeit von der etablierten Forschung zum Thema Neonazismus ignoriert wurde.

Pädagogische Praxen und Theoretische Praxen

Das Buch teilt sich in zwei Teile. Den ersten Teil nennen wir "Pädagogische Praxen". In den Artikeln reflektieren die Autor_innen eigene Arbeitsansätze und -erfahrungen aus der Jugendsozial- und Fortbildungsarbeit wie auch Beratung mit pädagogischen Fachkräften. Es wird auf die Arbeit mit rechtsaffinen Jugendlichen im ländlichen Raum genauso eingegangen wie auf die Fortbildung und Beratung von Kolleg_innen, die in Kitas arbeiten, um nur zwei Aspekte herauszugreifen.

Wir selbst legen in unserem Artikel Weder "normal" noch "richtig" Grundlagen einer geschlechterreflektierten Neonazismusprävention dar. Unsere zentrale Annahme ist, dass die kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht und Sexualität immer auch neonazismuspräventiv ist, da der Neonazismus nur mit ganz bestimmten Männlichkeiten und Weiblichkeiten funktioniert.

Wir gehen nicht davon aus, dass Geschlecht der zentrale Hinwendungsfaktor zu neonazistischen Szenen ist, heben aber hervor, dass Geschlecht eine Bedeutung dabei hat.

Die Hinwendungprozesse erfolgen bei Jugendlichen zumeist im Alter von 11 bis 15 Jahren, also in einer Zeit, in der geschlechtliche und sexuelle Identifikationen oftmals eine große Rolle spielen. Gerade in dieser Frühphase geschehen Hinwendungsprozesse oft weniger aufgrund von ideologisch gefestigten Positionen als vielmehr, weil in der extremen Rechten der gesellschaftlichen Aufforderung, ein "richtiger Junge" oder eine "richtige Frau" sein zu sollen und zu werden, eindeutig gefolgt werden kann.

Innerhalb der Ideologie der "Volksgemeinschaft" – Dreh- und Angelpunkt extrem rechter Ideologie – werden Männern und Frauen klare Orte und Rollen zugewiesen. Frauen sollen darin Kinder bekommen und diese im völkischen Sinne erziehen und Männer sollen als Ernährer und Verteidiger des Volkes ihren Mann stehen.

Wenn es für Jungen oder Mädchen hingegen keine größere Bedeutung hat, als "echt", "richtig" oder "normal" wahrgenommen zu werden, ein Junge sich nicht als Kämpfer, Familienernährer und Beschützer beweisen muss oder ein Mädchen sich nicht als Mutter, verantwortlich für das Wohl des Ganzen, den Mann und die Familie stützend profilieren muss, dann ist es unwahrscheinlicher, dass diese in neonazistischen Kreisen landen.

Unsere zentrale These lautet in diesem Sinne, dass eine Vervielfältigung von Männlichkeiten und Weiblichkeiten eine Entlastung von Geschlechteranforderungen und eine auf gleichberechtigte geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ausgerichtete Pädagogik der Prävention neonazistischer Einstellungen und Handlungsmuster förderlich ist.

Den zweiten Teil des Buchs haben wir "Theoretische Praxen" genannt. In diesem Teil werden – um wiederum nur zwei Aspekte zu benennen – die Bedeutung von Geschlecht in der NS-Erinnerungsarbeit ebenso bearbeitet wie die Reformulierungen radikalisierter Männlichkeit in der Neuen Rechten.

Welche Männlichkeitskonstruktionen werden in der neonazistischen Szene transportiert und wie wird Männlichkeit inszeniert?

Um die Männlichkeitskonstruktionen in der neonazistischen Szene zu erklären, greifen wir am besten auf ein Beispiel von mehreren zurück, das wir auch im Buch heranziehen: In einem eher kurios anmutendem Papier von den Jungen Nationaldemokraten, das jedoch ernst gemeint ist, werden strategisch-programmatische Überlegungen bezüglich der Frage angestellt, wie junge Männer rekrutiert werden können.

In dem Papier wird die Gefahr einer "Depolarisierung von Mann und Frau" beschrieben, die eine "Auflösung der Geschlechter und weiterer Gegensätze" zur Folge habe. Rekrutiert werden sollen junge Männer, "die wenig Männlichkeit und Persönlichkeit besitzen".

Dabei wird das Verhältnis neonazistischer Kader und junger Männer wie in einem "pädagogisch-psychotherapeutische(n) Prozess zwischen Leiter und Anwärter" angeordnet. Als Ziel wird es so formuliert:

"...schwache Typen zu stärken und zu Kerlen mit Persönlichkeit zu formen, ist der nachhaltige Weg und auch der sinnvollste.“

Der Weg dazu verläuft über Initiationsriten, durch die eine "Auslese" stattfinden solle:

"Wer die Aufnahmekriterien nicht besteht, besonders weil er zu feige und zu faul ist, kann unbedenklich von allen Gästelisten gestrichen werden.“
(Nationaler Bildungskreis 2014).

In dem Beispiel geht es um die Wiederherstellung souveräner heterosexueller Männlichkeit, die unter den aktuell gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen geschunden sei. Es wird das Versprechen von Stärke, Kraft und einer Legitimität von Gewaltanwendung ausgesprochen. Frauen, Feminismus, Heterogenität und Grenzverwischungen sind eindeutige Feindmotive, die den eigenen Kampf legitimieren.

Die Inszenierung rechter Männlichkeit bedient sich gerne der Figuren des Retters, des Verteidigers sowie des Familienversorgers. Er opfert sich auf gegen imaginierte Gefahren, die stets von außen kommend Familie und Volk bedrohen und verteidigt Frauen und Kinder vor den Gefahren, die im Außen auf als nicht-deutsch konstruierte Männlichkeiten und im Innen auf effeminierte, untergeordnete und marginalisierte Männlichkeiten projiziert werden. Konstituiert wird sich zudem über Arbeit und anpackende Tatkraft.

Extrem rechte Geschlechteranforderungen stellen dabei oftmals lediglich eine zugespitzte Form zweigeschlechtlich-heteronormativer Vorstellungen im Mainstream dar, die in eine völkische Ideologie eingebettet werden.

Es handelt sich beim Neonazismus daher auch weniger um einen Protest, wie eine populäre Deutung nahelegt, sondern um eine konformistische Rebellion, die durch die Überaffirmation herrschender Werte gekennzeichnet ist.

Dies betonend ist die in der Betrachtung des Neonazismus nach wie vor vorherrschende Fokussierung auf unmittelbare und direkte Gewaltanwendung ein Problem. Sie lässt andere Motivlagen, in neonazistische Szenen einzusteigen, außen vor und macht deren Akteure unsichtbar.

Gerade obere Klassen können Gewalt durchaus befürworten, diese aber nur dann für politisch funktional oder legitim halten, wenn sie durch eine autoritär agierende Staatsgewalt repressiv ausgeübt wird.

Dies hat auch Folgen für die Männlichkeitskonstruktionen, die nicht unbedingt permanente Kampfbereitschaft, Härte und Gewalt präsentieren müssen, sondern die anders gelebt werden können, sei es als hilfsbereiter Freund, fürsorglicher großer Bruder, stylisch-cooler Typ oder liebevoller Beziehungspartner.

Eine neonazistische hegemoniale Männlichkeit kann sich dementsprechend besser tarnen als eine neonazistische protestierende Männlichkeit. Erstere ist unauffälliger, der geschlechtliche Habitus erscheint mehr als gesellschaftliche Normalität männlicher Orientierung und männlichen Verhaltens.

Was ist ihr Ansatz in der Prävention gegen Neonazismus?

Unsere These ist, dass der Neonazismus nicht zuletzt Attraktivität aufgrund seiner vereindeutigenden und komplexitätsreduzierenden Antworten auf schwer zu erfüllende und widersprüchliche gesellschaftliche Geschlechteranforderungen entfalten kann. Männlichkeit scheint im Neonazismus eindeutig, sicher und überlegen zu sein. Unhinterfragt kann Hypermaskulinität ausgelebt und alle drohenden oder tatsächlichen Unterlegenheits- und Schamgefühle können durch die Stilisierung von Überlegenheit vermieden werden.

Gerade mit der Marginalisierung soldatischer Männlichkeit nach 1945 können neonazistische Männlichkeiten als Antwort auf bestimmte verunsicherte Männlichkeiten betrachtet werden. Sie versprechen Orientierungsvermögen in einer bewegten Welt und eine eigentlich "natürliche" Ordnung kann hier verteidigt werden.

Entlastung von Geschlechteranforderungen

Im Rahmen von geschlechterreflektierter Pädagogik geht es uns darum, von Männlichkeits- und Weiblichkeitsanforderungen zu entlasten, ohne dass dabei auf diskriminierende Handlungsmuster zurückgegriffen wird. Es sollen umgekehrt alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in ihrer individuellen Entwicklung gefördert werden. Einschränkende vergeschlechtliche Anforderungen sollen in ihrer Bedeutung für die Einzelnen minimiert werden.

Die Verbindungslinien zu denjenigen Diskursen auch innerhalb der Pädagogik, in denen geschlechtliche und sexuelle Vielfalts- und Gleichstellungsperspektiven als "Frühsexualisierung", "Umerziehung" etc. diffamiert werden, sind kaum zu übersehen. Deshalb ist es so wichtig, pädagogische Fachkräfte dahingehend zu qualifizieren, individuelle Förderung unter Berücksichtigung von vielfältigen sexuellen und geschlechtlichen Identifikationen zu ermöglichen.

Sie haben Erfahrungen in der Arbeit mit Jungen und jungen Männern in verschiedenen Projekten. Wie erleben Sie sie?

Uns ist zunächst wichtig zu betonen, dass der Fokus auf die sozialpädagogische Arbeit mit Jugendlichen die aktuell problematischste Gruppe in Deutschland in punkto extreme Rechte aus dem Blick nimmt, nämlich die Gruppe der über 60-jährigen. Wir haben den Eindruck, dass sich dies beispielsweise in den Mobilisierungen von Pegida und den Erfolgen der AfD widerspiegelt.

Allerdings bekommen wir von Kolleg_innen immer wieder mit, dass sich Jungen, mit denen sie arbeiten, für sie völlig überraschend zum Beispiel der lokalen Initiative gegen Unterbringungseinrichtungen für Geflüchtete anschließen. Dann beginnen diese Jungen z. B. die Insignien extrem rechter Gruppen zu tragen.

Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir, die Überraschung der Kolleg_innen ernst zu nehmen und darauf zu schauen, woher diese kommt und mit Fortbildungen in die Richtung zu arbeiten, früher uneindeutige wie auch klare Hinwendungsprozesse in die extreme Rechte wahrzunehmen.

Die Jungen wünschen sich oftmals so etwas wie Freundschaft, Gemeinschaft, aber eben auch das Gefühl der Souveränität, welches sie sich über eine Konstruktion der Überlegenheit versuchen herzustellen. Zugleich sollte stets und anlassunabhängig zu Diskriminierung(sverhältnissen) gearbeitet werden. Wer das tut, wird sehr wahrscheinlich auch weniger überrascht sein von bestimmten Positionierungen der eigenen Klientel.

Wo sehen Sie den stärksten Bedarf für die Jungenarbeit in den nächsten Jahren? Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Wichtig ist, Präventionsarbeit gegen Rechts nicht mit einem Fokus auf die Täter_innen zu verwechseln. Es muss uns in erster Linie darum gehen, Alternativen zu schaffen und die realen oder potenziellen Opfer rechter Gewalt und Diskriminierung zu empowern, um sich erfolgreich gegen rechte Dominanz zur Wehr setzen zu können.

Das heißt, plurale, queere, linke, antirassistische und antifaschistische Strukturen und Lebenswelten müssen einerseits gestärkt, andererseits müssen Schutz-, Unterstützungs- und Empowermentstrukturen ausgebaut werden. Ein Blick, der bei Rechtsextremismusprävention sofort und auch nur an Rechtsextreme denkt und diese fokussiert, ist diesbezüglich ein großes Problem.

Hechler, Andreas/Stuve, Olaf (Hrsg.)
Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts
978-3-8474-0695-2
Erscheinungsjahr: 10/2015
390 Seiten
29,90 €

Inhaltsverzeichnis und Einleitung