Willkommen bei Neue Wege für Jungs

Bundesweites Netzwerk von Initiativen zur Berufswahl und Lebensplanung von Jungen

Aktuelles

08.02.2010 › Stellungnahme: "Das ganze Spektrum für Mädchen und Jungen – für eine durchgängige Geschlechterpädagogik in Nordrhein-Westfalen"

Die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW e.V. und die Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW e.V. haben ein gemeinsames Positionspapier zur gendergerechten Pädagogik im Bundesland Nordrhein-Westfalen herausgegeben.

Stellungnahme der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW e.V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW e.V. (im Wortlaut):

"Das ganze Spektrum für Mädchen und Jungen – für eine durchgängige Geschlechterpädagogik in Nordrhein-Westfalen

In NRW wird auf Hochtouren gearbeitet: KiBiZ, Ganztag, Bildungsvereinbarungen und Enquetekommissionen sollen neue Wege für eine qualifizierte und durchgängige Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen weisen. Als landesweite Fachverbände der Mädchen- und Jungenarbeit in NRW begrüßen wir, dass das gesunde Aufwachsen und die Bildung von Kindern und Jugendlichen wieder zunehmend in den Blick geraten. Uns interessiert hier besonders die Frage, welche Bedeutung die Kategorie Geschlecht für das Aufwachsen und Lernen von Mädchen und Jungen hat. Und wir engagieren uns für die Schaffung von institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die für das gesunde Aufwachsen von Mädchen und Jungen zuträglich sind.

Bisher konnten diese auf bewährte biografische Linien zurückgreifen: Schule – Ausbildung/ Studium – Arbeit – Familie – Rente. Diese „Normalbiografie“ ist heute aber an vielen Stellen brüchig geworden. Mit der Folge, dass Übergänge und die eigene Zukunfts- und Lebensplanung
von Diskontinuität und umfangreicheren Abstimmungsprozessen geprägt ist. Dieses erfordert Ausdauer und ein selbstbewusstes Agieren junger Menschen. Traditionelle Rollenbilder und geschlechtliche Zuschreibungen sind hier für eine angemessene individuelle Entwicklung eher hinderlich, als dass diese noch Halt und Orientierung geben und behindern gelingende Wege des Aufwachsens.

Die Auseinandersetzungen, insbesondere im Anschluss an die Ergebnisse der PISAStudie, haben leider nicht zu einem sachlichen und differenzierten Diskurs über die Bedarfe von Jungen und Mädchen geführt. Es gilt, hierauf wieder stärker zu fokussieren und die Interessen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen und nicht gegeneinander auszuspielen.

Das Ganze der Bildung

Bildung darf nicht allein auf die Leistungen von Mädchen und Jungen in der Schule oder die Verwertbarkeit von geschlechtertypischen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt reduziert werden. Bildung beginnt mit der Geburt, sie findet in der frühkindlichen Bildung, der Betreuung, der Schule, der non-formalen und informellen Bildung statt. Geschlechtersensible Bildung fragt nach individueller und ganzheitlicher Förderung von Mädchen und Jungen und stellt diese als Experten und Expertinnen ihres eigenen Lebens in den Mittelpunkt. Sie begleitet sie in der Entwicklung ihrer Identität und fördert ihre Selbstbestimmung, Beteiligung und Eigenverantwortung.

Hierfür ist es notwendig, die Wirkmechanismen der Geschlechterhierarchie in den Fokus zu nehmen und ebenso das Zusammenwirken von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, sexueller Orientierung usf. zu betrachten. Ziel ist die Realisierung
gelingender Bildungszugänge für alle Mädchen und alle Jungen. Dieses ist Voraussetzung für gesellschaftliches Engagement und gelebte Demokratie.

Geschlechterpädagogik in die regionalen Bildungsvernetzungen einbinden!

Wir begrüßen die Bestrebungen, durchgängige Konzepte und vernetzte Angebote für die Bildung, Beratung, Betreuung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen vor Ort zu schaffen. Diese Entwicklung wurden bisher allerdings nicht dafür genutzt, eine durchgängige, nachhaltige und qualifizierte Geschlechterpädagogik in allen pädagogischen Arbeitsfeldern umzusetzen. Wenn Bildungslandschaften eine nachhaltige Wirksamkeit erreichen sollen, dann genügt die aktuelle Präsenz der non-formalen Bildung wie auch der Mädchen- und Jungenarbeit nicht. Bildungsnetzwerke, die vom Mädchen und vom Jungen ausgehen, müssen von KITA, Schule, Jugendhilfe, Wirtschaft, Eltern, Stadtplanung usf. gleichermaßen gestaltet werden und echte Beteiligungsmöglichkeiten für Mädchen und Jungen anbieten.

Dies bedeutet die Bildungsorte der Kinder- und Jugendhilfe geschlechterbezogen weiterentwickeln zu müssen und geschlechterrelevante Fragen und Förderansätze in KITA und KiBiZ, in Schulen und Schulprogrammen und in Familienzentren strukturell, konzeptionell und personell zu verankern.

Ran ans Klischee! Vielfältige Möglichkeiten – eigene Entscheidungen

Nicht alle Jungen sind gewaltbereit und nicht alle Mädchen besuchen selbstbewusst das Gymnasium. Alle Mädchen und Jungen sind auf ihre Art und Weise stark und verletzlich, widersprüchlich und manchmal schwer zu verstehen. Sie unterscheiden sich in ihren Persönlichkeiten und in den Bedingungen unter denen sie aufwachsen. Umso mehr bedarf es des genauen Hinsehens im pädagogischen und politischen Diskurs und einer kritischen Reflexion gängiger Mädchen- und Jungenbilder.

Geschlechterrollen – klassische wie moderne – schränken Wahlmöglichkeiten ein: im Kopf und in der Realität. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, Mädchen und Jungen Einblicke und Kompetenzen zu vermitteln, die für ihr Geschlecht untypisch sind. So geschieht es beispielweise am Girls Day und im Projekt „Neue Wege für Jungs“.

Mädchen- und Jungenarbeit reichen jedoch darüber hinaus.

Ziel ist es, Mädchen und Jungen eine gleichberechtigte Vielfalt an Wahlmöglichkeiten zu eröffnen und sie darin zu begleiten ihre Ressourcen und Kompetenzen kennen zu lernen, ihren eigenen Weg zu finden und vielfältige, selbstbestimmte Definitionen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu entwickeln.

Respektvolle Geschlechterbeziehungen – gelungene Kooperationen

Ein wesentliches Ziel von Mädchen- und Jungenarbeit sind respektvolle und gelungene Beziehungen zur sich selbst, zum eigenen und anderen Geschlecht. Mädchen- und Jungenarbeit sind ein Praxis- und Erprobungsfeld für diese gelungenen Beziehungen. In diesem Sinne ist die Kooperation von Mädchen- und Jungenarbeit auch als Forschungsprozess, als Praxis der Geschlechterdemokratie und als Spiegel für die Dynamik des Themas zu verstehen. Die Kooperation von Mädchen- und Jungenarbeit ist ein offener Prozess, der Zeit und Ressourcen erfordert. Hierfür braucht es der Begleitung der beteiligten Fachkräfte, langfristig angelegter Struktur- und Konzeptentwicklungsprozesse und der inhaltlichen, formalen und finanziellen Eigenständigkeit von Jungen- und Mädchenarbeit.

Orte der Begegnung schaffen, sichern und ausbauen!

Mädchen und Jungen brauchen Orte, an denen sie mit anderen, aber ebenso mit sich selber in Kontakt kommen, sich austauschen und ausprobieren können und gegenseitige Stärkung und Unterstützung erfahren. Sie brauchen Orte, an denen Ihnen weibliche und männliche
Fachkräfte als Bezugspersonen zur Verfügung stehen, sich ihren Fragen und (Un)Sicherheiten stellen und sie in ihrer geschlechtlichen Entwicklung begleiten. Hierin liegt die besondere Qualität geschlechterbezogener Pädagogik und diese gilt es zu sichern.

Hierfür bedarf es einer stabilen Strukturförderung zum Erhalt und zum Ausbau kontinuierlicher Beziehungsarbeit, aber ebenso einer Projektförderung von Mädchen- und Jungenarbeit und der Kooperationsprozesse beider Arbeitsfelder. Das bedeutet, dass erstens der Abbau des Personals in der Kinder- und Jugendarbeit gestoppt, zweitens die Kinder- und Jugendhilfe weitergehend geschlechterbezogen qualifiziert werden muss und drittens
zusätzliche Landesmittel für Mädchen- und Jungenarbeit zur Verfügung gestellt werden müssen.

Qualitätsentwicklung und –sicherung unterstützen

Mädchen- und Jungenarbeit können wesentliche Erfolge im Abbau (geschlechtsspezifischer) Benachteiligungen und der interdisziplinären, arbeitsfeldübergreifenden Vernetzung und Kooperation, wie beispielsweisse im Bereich Interkulturalität, vorweisen. Sie erfüllen somit
die Funktion von Innovationszentren für die Kinder-und Jugendarbeit, aber auch darüber hinaus für die gesamte Kinder-und Jugendhilfe und Schule. Qualität entwickeln und sichern braucht allerdings Zeit, stabile Strukturen und Beziehungen. Zusätzliche Projekte bieten zudem die Möglichkeiten neue Wege zu gehen, Strukturen, Zugänge und Methoden zu entwickeln und zu erproben. Die Struktur- und Projektförderung nach dem Kinder- und Jugendförderplan NRW bietet hier jeweils eigene Qualitäten, die nicht gegeneinander auszuspielen sind.

Strukturelle und personelle Verankerung voranbringen!

Gelingende Geschlechterpädagogik und Kooperation von Mädchen- und Jungenarbeit benötigt unterstützende Strukturen und personelle Absicherung. Die Jugendämter in den Kommunen und Kreisen sind hier als Gremium zur Planung und Steuerung gefordert. Im Rahmen der Fortschreibung der kommunalen Kinder- und Jugendförderpläne ist darauf hinzuwirken, dass die Förderpläne verbindliche Vorgaben und konkrete Maßnahmen zur Verankerung und Umsetzung geschlechterbewusster Pädagogik festschreiben. Eine nachhaltige Wirkung geschlechterpädagogischer Praxis wird nur durch das Ineinandergreifen, die gegenseitige Ergänzung und Kooperation von Mädchen- und Jungenarbeit, gegengeschlechtlicher Pädagogik und geschlechterreflektierter Koedukation erzielt. Hierfür ist es notwendig bestehende Ansätze und Strukturen anzuerkennen und zu stärken, da nur so gemeinsame Ziel- und Qualitätsvereinbarungen möglich sind und nur so Mädchen und Jungen mit ihren Interessen im Mittelpunkt stehen und nicht gegeneinander ausgespielt oder funktionalisiert werden.

Mädchen-, Jungen- und Genderarbeitskreise sind wichtige Orte des fachlichen Austauschs, der Kooperation, der Qualifizierung und der Weiterentwicklung von Geschlechterpädagogik und der Kinder- und Jugendhilfelandschaft. MitarbeiterInnen freier und öffentlicher TrägerInnen sind für die Mitarbeit in Vernetzungs- und Kooperationszusammenhängen der Jungen- und Mädchenarbeit freizustellen, da diese für ihre Arbeit zeitliche, finanzielle und räumliche Ressourcen sowie die fachliche Begleitung (nicht nur) durch die Landesarbeitsgemeinschaften der Mädchen- und Jungenarbeit benötigen.

Mädchen und Jungen, Frauen und Männer in NRW brauchen das ganze Spektrum:

  • an Entwürfen und Definitionen von Weiblichkeit, Männlichkeit und einer eigensinnigen Geschlechtsidentität
  • an Wahlmöglichkeiten und Bildungschancen, an Lebens- und Beziehungsentwürfen
  • an unterschiedlichen, auch außerschulischen Orten, an denen es global – ebenso für nachfolgende Generationen – möglich ist, gesund und in Frieden aufzuwachsen"

Weitere Informationen:

www.lagjungenarbeit.de

www.maedchenarbeit-nrw.de

Weitere News

16.05.2008 › Broschüre: Berufe in Erziehung, Bildung, Pflege - auch was für Jungs!

Eltern gehören nach wie vor zu den wichtigsten Ratgebern für ihre Kinder bei der Berufswahl. Umso wichtiger ist es, dass Eltern Kompetenzen ihrer Söhne und Töchter wahrnehmen und sie ggf. auch dabei unterstützen, einen Beruf zu wählen, der früher als typischer „Frauen-” oder „Männerberuf” galt.


15.05.2008 › Online Befragung zum Thema Väter, Familie und Beruf

Im Rahmen ihres Dissertationsprojekts an der Universität Tübingen untersuchte Ann-Catrin Vogt das Umfeld, in welchem sich Väter für oder gegen die Inanspruchnahme von Elternzeit entscheiden. Die Perspektive des Vaters zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird durch eine Online-Befragung erfasst.


14.05.2008 › Ihre Zukunft im Gesundheitsberuf: Diskussion mit Studierenden und Auszubildenden

Mit rund 4,3 Millionen Menschen arbeitet heute jeder neunte Beschäftigte in der Gesundheitswirtschaft. Über die besten Wege in der Ausbildung und die Zukunft in der Gesundheitsversorgung diskutierten Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Bundesbildungsministerin Annette Schavan am Freitag in Berlin mit mehr als 250 Studierenden und Auszubildenden der Gesundheitsberufe.


13.05.2008 › Interkulturelle und geschlechtergerechte Pädagogik für Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren

Die Expertise „Interkulturelle und geschlechtergerechte Pädagogik für Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren” ist ein Gutachten, das Frau Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden als renommierte Expertin für interkulturelle Forschung sowie für Migrations- und Geschlechterforschung auf Einladung der Enquetekommission „Chancen für Kinder” des Landtags Nordrhein-Westfalen erstellt hat.


07.05.2008 › Gratis-CD gegen Rechtsradikalismus

Mit der kostenlosen CD „Starke Stimmen gegen Rechts” engagieren sich 18 Künstler und die Musikindustrie gegen Rechtsradikalismus an deutschen Schulen. In den kommenden Monaten sollen rund 50.000 Exemplare der Gratis-CD verteilt werden.


Archiv
zurück nach oben Druckansicht Artikel als Email versenden